Schulodyssee in 3 Akten: Über Schule, Verzweiflung, den Pabst und Ideen für die Neuorganisation von Care-Arbeit

Die letzten Wochen waren über die Maße kräftezehrend. Manchmal fragte ich mich, wie viele solcher Krisen ich noch schaffen kann, bis meine Söhne erwachsen sind. Eines meiner Kinder hat von September bis Ende Oktober 3 Schulen besucht. Es ist nicht übertrieben wenn ich sage, dass das traumatisch war. Für uns alle. Lange habe ich überlegt ob ich über das Erlebte im Blog schreiben kann, denn ich möchte meine Kinder natürlich schützen. Auf der anderen Seite gab es Situationen an Schulen von denen ich eigentlich nicht dachte, dass es solche geben könnte. Da dies ganz direkt mit Carearbeit im privaten und öffentlichen Bereich (Erziehung, Pflege, Bildung, Reinigung, Hauswirtschaft) zu tun hat und damit mit meiner aktivistischen Arbeit, habe ich mich dazu entschlossen darüber zu berichten. Um meine Söhne zu schützen, bleibe ich an manchen Stellen im Text absichtlich vage.

Ich hatte mir Anfang des Jahres zwei Schulen angesehen. Die Montessorischule schied schon nach dem Erstgespräch für mich aus, weil der Schulleiter so übergriffig, abwertend und verständnislos war, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass hier ggf. Probleme oder Anliegen zufriedenstellen geklärt werden könnten im Rahmen eines Schulbesuch. Da ich nur eines meiner Kinder in die Einrichtung geben wollte kam der Einwand des Rektors: „Aber sie können doch nicht nur ein Kind zu uns schicken!“ Warum das für ungünstig gehalten wurde, wurde allerdings nicht nachvollziehbar begründet. Darüber hinaus denke ich, sollten Pädagog*innen bei solchen Gesprächen schon geschult darin sein zu unterscheiden, was beim Gegenüber im Vordergrund steht und was im Hintergrund. Hinzu kam: Selbst wenn ich beide Kinder an diese Schule hätte geben wollen, hätte das Kind um das es eigentlich nicht ging, natürlich auch einbezogen werden müssen. Ganz abgesehen davon, dass es mir finanziell gar nicht möglich wäre zweimal Schulgeld zu bezahlen (günstigere Preise für Alleinerziehende gab es natürlich auch nicht). Die Unterhaltung hatte noch viel mehr Irritationsmomente, so das schnell klar war, dass diese Einrichtung kein guter Platz für meinen Sohn ist.

Einige Wochen später schaute ich mir eine Waldorfschule an. Hier bekam ich dann die Gelegenheit unsere Problemlagen genau zu erläutern, ohne ständig unterbrochen zu werden. In dem Gespräch gab es viel Offenheit, wenig Wertung und, ganz wichtig: Es fand auf Augenhöhe statt. Ich konnte mir danach gut vorstellen, dass mein Kind diese Einrichtung besuchen könnte. Deshalb gab es noch einen weiteren Termin bei dem zwei andere Leherpersonen nochmals ausführlich mit mir und zusätzlich auch mit meinem Kind sprachen. Auch mein Sohn konnte sich danach vorstellen diese Schule zu besuchen. Allerdings hatte mir der Pädagoge, der das Aufnahmegespräch u. a. mit uns führte schon gesagt, dass er nicht sicher ist, ob mein Kind aufgenommen werden kann, weil es bereits einen Schüler in der Klasse gab mit ähnlichen Herausforderungen. Ich hatte den Eindruck, dass die Schule sich die Aufnahme sorgfältig überlegte. Das fand ich gut. Eine Woche nach dem Gespräch bekamen wir dann erfreulicherweise doch die Zusage für den Schulplatz. Im Juli lernte ich dann beim ersten Elternabend die zukünftige Klassenlehrerin kennen und war eigentlich guter Dinge was den Schulbesuch anging. Anfang August, mitten in den Sommerferien teilte dann diese Lehrerin über die Eltern-WhatsApp-Gruppe mit, dass sie doch nicht wie geplant, an die Schule kommen würde. Das war für mich schon der erste Schock. Wie kann eine Pädagogin so eine Mitteilung machen mitten in den Sommerferien in einer WhatsApp-Gruppe und ohne das mit der Schule vorher abzusprechen?

Die nächste wirklich befremdliche Erfahrung folgte dann gleich wenige Wochen später, als mein Kind einfach nach Hause geschickt wurde während der Schulzeit, weil der Klassenlehrer (der dann schnell noch in den Sommerferien gefunden wurde) nicht mit ihm zurechtkam. Wobei ich den ganz genauen Grund nicht kenne, denn der Lehrer hat vorher irritierender Weise niemals ein Gespräch mit mir geführt. Das macht mich bis heute fassungslos. Auch auf meine E-Mails wurde nicht reagiert. Erst als ich, nachdem mein Sohn wiederholt nach Hause geschickt wurde, mit einer Meldung beim Schulamt drohte, erhielt ich eine Antwort auf eine meiner E-Mails. Es fand danach dann auch endlich mal ein Gespräch statt, in dem ich jedoch sehr den Eindruck hatte, dass es für den Umgang mit meinen Kind überhaupt gar kein Konzept gab. Es gab weder Ideen, noch Vorschläge. Nichts! Das war für mich dann mittlerweile alles so haarsträubend, dass ich keine andere Möglichkeit sah, als meinen Sohn von der Schule zu nehmen, was für mich als berufstätige, alleinerziehende Mutter wirklich eine schwere Entscheidung war. Aber die Alternative, dass mein Kind immer wieder nach Hause geschickt wird und so das Gefühl bekommt, dass er nicht richtig ist, so wie es ist, war undenkbar für mich. Im Nachhinein frage ich mich wie es zu so einer groben Fehleinschätzung der Schule bei den eigenen Möglichkeiten im Umgang mit Schülern kommen konnte. Was bleibt ist: Wenn wir den Schulplatz nicht bekommen hätten, wäre uns viel Leid erspart geblieben, denn ich hätte Anfang des Jahres noch genügend Zeit gehabt um mich über weitere Beschulungsmöglichkeiten zu informieren. So standen wir jetzt unter extremem Druck, denn in Deutschland ist Schulpflicht. Deshalb musste mein Sohn dann ohne das Erlebte richtig verarbeiten zu können, gleich zwei Tage später, die für uns zuständige Sprengelschule besuchen.

Innerhalb der kurzen Zeit, besorgte ich alles was auf der umfangreichen Materialliste stand und hoffte, dass das Kind dort dann zurechtkommt. Meine Zweifel dahingehend waren leider aber auch berechtigt wie sich herausstellte (deshalb hatte ich mich um andere Möglichkeiten bemüht) und so kam es, dass wir nach dem ersten Schultag eine Empfehlung bekamen für eine andere Einrichtung. Das war Anfang Oktober und der bisherige Tiefpunkt für mich persönlich, denn eigentlich hatte ich mich um alles gekümmert in den Monaten davor, damit genau so ein Chaos nicht entsteht. In meinem Kopf gab es nur noch verzweifelte Gedanken und immer wieder die Frage, wie ein Kind, dass 6 Jahre in einer Einrichtung integriert war und dort Freundschaften geschlossen hatte, innerhalb von wenigen Wochen, zum Außenseiter werden konnte. In der Situation war ich dann wirklich froh, dass ich immer den Kontakt gehalten hatte zur Erziehungsberatungsstelle. Der Psychologe dort kennt mich seit fast 7 Jahren und bei ihm konnte ich dann meine ganze Verzweiflung erst einmal ungefiltert abladen. Einige vertraute Menschen on- und offline gab es auch, die nicht werteten und vor allem keine ungebetenen Ratschläge gaben, sondern einfach zuhörten. Das tat mir sehr gut und dennoch war die Situation für mich mit so viel Angst und Verzweiflung beladen, dass ich das hier eigentlich gar nicht richtig auszudrücken vermag.

Mein Sohn war dann erst einmal einige Wochen zu Hause und ich führte viele Gespräche mit der dritten Schule, die uns vorgeschlagen worden war. Das war eine unglaublich schwierige Zeit, denn ich hatte wirklich Angst das mein Kind nicht mehr integrierbar sein könnte (obwohl es das ja vorher 6 Jahre war). Neben all den Gesprächen mit Pädagogen, Psychologen und Sozialpädagogen musste ich das Kind gut begleiten, zu Hause betreuen und parallel dazu auch weiter erwerbstätig sein. Ich sag es mal so: Wenn ich nicht als virtuelle Assistentin ständig (auch ohne Pandemie) im Homeoffice erwerbsarbeiten würde, hätte ich jetzt wahrscheinlich gar keine Stelle mehr und wäre auf Hartz-IV angewiesen. Es ist wirklich großes Glück, dass ich mir meine Zeit größtenteils frei einteilen kann. Anders wäre Erwerbsarbeit und das Krisenmanagement rund um den Schulbesuch in den drei Einrichtungen überhaupt nicht vereinbar gewesen. Und. Ohne absolute Disziplin, Durchhaltevermögen, Organisationstalent und finanzielle Möglichkeiten (ich habe mittlerweile drei unterschiedliche Materiallisten abgearbeitet für drei Schulen, das hätte ich vor 2 Jahren nicht gekonnt) wären wir nie dahin gekommen, dass das Kind nun seit einigen Wochen diese dritte Schule besucht. Hier habe ich schon den Eindruck, dass weitestgehend auf seine Einschränkungen eingegangen wird und vor allem, dass es auch Ideen und konstruktive Vorschläge gibt im Umgang mit ihm. Die Situation hat sich also verbessert, wobei die Betreuung am Nachmittag (inkl. Hausaufgaben) meine Aufgabe bleibt und ich mich also weiterhin zerreiße zwischen Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit mit negativen gesundheitlichen Folgen (Erschöpfung, starker Tinitus, immerwährende Kopfsschmerzen). Was mich in den unzähligen Gesprächen im Lauf der Wochen mit den verschiedenen Fachkräften sehr erschrocken hat war, wie schnell Verhalten von Kindern abgewertet wird, wenn sie nicht nach Schema-F funktionieren. Das war eine krasse und ernüchternde Erfahrung.

Ende September war gerade eine schwierige Zeit für mich mit dieser ganzen Schulodyssee und dann spülte es mir auch noch die Meinung von Pabst Franziskus zum Thema Abtreibungen in meine Instagram-Timeline. Er wird bei Zeit im Bild (ZIB) wie folgt zitiert: „Zu den Opfern der Kultur des Wegwerfens gehören die Kinder, die wir nicht aufnehmen wollen. Mit dem Abtreibungsgesetz werden sie getötet. Das ist normal geworden, eine Gewohnheit, eine sehr hässliche Sache, ein Mord.“

Obwohl ich vor einigen Jahren konvertiert bin (ich war katholisch) und mittlerweile sogar darüber nachdenke, ganz aus der Kirche auszutreten, hat mich diese Aussage des Pabst, der Millionen Menschen auf der ganzen Welt auch noch viel Gewicht beimessen, wütend gemacht.

Ich denke die Entscheidung für eine Abtreibung ist eine verantwortungsbewusste, denn Kinder bedeuten lebenslange Verantwortung und deshalb muss sie möglich sein, ohne das dies Nachteile für die betroffenen Frauen bedeutet. Ich mag dieses romantisierte, gesellschaftlich weit verbreitete Bild davon wie es ist, Kinder groß zu ziehen, nicht. Schlimmer noch, ich finde es irreführend und verantwortungslos so ein Bild zu zeichnen. Was es bedeutet in ungünstige Verhältnisse hineingeboren zu werden (meine Mutter war 16 als sie mit mir schwanger wurde), dass habe ich am eigenen Leib erfahren. Es hat viele Jahre Therapie gebraucht um Traumata zu überwinden, ein positives Selbstwertgefühl zu entwickeln (vor allem das war so unglaublich schwer) und mit den Geschehnissen in friedlicher Koexistenz leben zu können. Und dann spricht der Pabst, ein alter weißer Mann, der niemals die Verantwortung für ein Kind tragen wird von Mord bei Abtreibung. Das Oberhaupt der katholischen Kirche, dass sich weder darum kümmern muss, dass genügend Geld da ist um das Leben bestreiten zu können, noch darum, dass eingekauft, geputzt, gekocht oder gewaschen ist. Der Pontifex, der niemals persönlich dafür zuständig sein wird, dass Kinder im Alltag oder in Krisensituationen wie z. B. der allgegenwärtigen Corona-Pandemie, gut begleitet werden können. Der sich nicht sorgen muss, wenn der Kindesunterhalt Mitte des Monats noch nicht bezahlt wurde oder wie ein Auftrag jetzt noch pünktlich fertig wird während ein Kind total aufgelöst zu Hause sitzt und die Welt nicht mehr versteht. Ein alter weißer Mann, der durch seine Position doch sehr gut versorg ist, meint also Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheiden, als Mörderin bezeichnen zu können? Ich finde da wurde eine Grenze überschritten.

Wenn die gleiche Energie die dafür verwendet wird, Frauen Abtreibungen zu erschweren (und sie dadurch manchmal auch noch sterben), wenn diese Energie also dafür eingesetzt werden würde um Lebensumstände so zu gestalten, dass Kinder behütet aufwachsen können, dann hätten wir eine bessere Welt. Eltern müssten sich in dieser Welt nicht mehr zwischen Erwerbsarbeit und Care-Arbeit zerreißen und Bildungseinrichtungen wären dann personell sowie materiell so ausgestattet, dass wirklich jedes Kind seinen Platz dort findet (inklusive Beschulung ist längst ein UN-Menschenrecht!). Care wäre dann kein Gedöns mehr, sondern das Zentrum der Gesellschaft.

Erfreulicherweise gab es in meiner Timeline aber nicht nur Zitate vom Pabst, sondern auch Franziska Schutzbach mit ihrem großartigen Buch „Die Erschöpfung der Frauen – Wider die weibliche Verfügbarkeit“, in dem ich mich sehr wiederfinde. Auf Seite 177 schreibt sie passend zu meinem Ärger:

„Die Mutter ist einerseits alles, sie bedeutet alles, sie wird idealisiert und romantisiert. Andererseits wird ihre Arbeit gesellschaftlich entwertet und als Gratisdienst eingefordert. Mütter werden oft alleine gelassen.

Wie etwa das Bild der heiligen Mutter Gottes Maria deutlich macht: Maria ist die perfekte Mutter, sie ist wichtig, sie wird in ihrer Hingebung und Aufopferung durch aus auch als mächtig dargestellt. Schließlich vollbringt sie das Unmögliche. Sie ist eine Jungfrau, die ein Kind gebiert. Gleichzeitig wird sie allein gelassen. Während Maria die Quadratur des Kreises vollbringen soll, verdrückt sich Gott, der Vater, in den Himmel. Wie die Anwältin Nora Fanshaw in dem Film Mariage Story ausruft: „Aber wo ist der Vater!? Der ist im Himmel.“ Maria ist, zugespitzt formuliert, die erste alleinerziehende Mutter der abendländischen Kulturgeschichte. Während Gott orakelt und Großes vorhat, gebiert sie im Stall, in Armut. Ohne zu murren. Und sie hält am Ende der Geschichte voller Schmerz die Leiche Jesu.“

Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür, Frauen Abtreibungen zu erschweren. Deshalb finde ich das Vorhaben der Ampelkoalition, den umstrittenen Paragraf 219a des Strafgesetzbuches zu streichen eine gute Entscheidung.

Auf der anderen Seite gibt es aber viele lebenswichtige Gründe sich dafür einzusetzen, dass Sorgearbeit von Eltern und pflegenden Angehörigen neu organisiert wird, damit sie nicht zu Armut und / oder Überlastung führt und das Menschen, die auf Fürsorge angewiesen sind, auch gut versorgt werden können. Wunderbarerweise gibt es auch schon einige Ideen dafür:

  • Carezeit-Budget (Karin Jurczyk und Ulrich Mückenberger zeigen, wie es gelingen kann Arbeit und Sorge zu vereinbaren mit einem neuen Lebens-Arbeits-Zeit-Modell)
  • 4-in-1-Perspektive (von Frigga Haug (Soziologin) – diese wird in dem verlinkten Beitrag wie folgt erklärt: „Haug identifiziert vier menschliche Tätigkeiten (bzw. Dimensionen des Lebens), die auf die Einzelnen in gleichen Proportionen verteilt werden sollen: Betätigungen 1. im Erwerbsleben, 2. in der Sorge um sich selbst und andere, d. h. in der Reproduktion, 3. in der eigenen Entwicklung, 4. in der Politik. Dabei wird hypothetisch von einem 16-Stunden „Arbeitstag“ ausgegangen, in dem die vier Dimensionen des Lebens, die vier Arten von „Arbeit“, idealtypisch gerechnet (nicht absolut, sondern als Richtwert), jeweils vier Stunden Raum einnehmen sollen.“)
  • 20 Stunden-Woche für alle (dahingehend gibt es schon viele Forderungen von unterschiedlichen Menschen)
  • Fürsorgegehalt (ich habe hier im Blog in den letzten Jahren häufig darüber geschrieben, warum ich die finanzielle Absicherung der Arbeit von Eltern und pflegenden Angehhörigen für wichtig halte und diese Forderung auch mit einer Petition und einer Bundestagspetition untermauert. Erfreulicherweise gibt es im Moment in Österreich ein Modellprojekt in dem pflegende Angehörige ein Gehalt bekommen)
  • Grundeinkommen (wäre sinnvoll finde ich, denn Hartz-IV ist ein unmenschliches System und wäre damit abgeschafft. In Bezug auf die private Care-Arbeit habe ich aber Bedenken, dass mit einer Einführung, Sorgearbeit von Eltern und pflegenden Angehörigen weiterhin unsichtbar gemacht werden würde, daher wäre ich für ein Grundeinkommen mit Care-Zuschlag)

Wie so ein Vorhaben finanziert werden könnte? Bis vor kurzem habe ich darauf immer sehr vage geantwortet mit: Wir müssen dann halt woanders Geld einsparen. Das Schwarzbuch der Steuerverschwendungen zeigt uns jedenfalls jedes Jahr, wo Milliarden an Steuergeldern sinnlos ausgegeben werden. Heute kann ich antworten: Mit einer Care-Abgabe. Die Historikerin und Philosophin Tove Soiland hat diesen Vorschlag in einem Interview gemacht und Anna Saave-Harnack (Universität Jena) hat dazu eine unbedingt lesenswerte Ausarbeitung geschrieben. Im Prinzip geht es vereinfacht ausgedrückt darum, dass Gelder umverteilt werden sollen von Bereichen in denen Gewinne durch Produktivitätssteigerungen möglich sind (z. B. Automobilindustrie), hin zu Bereichen, in denen das nicht möglich ist (Bildung, Erziehung, Pflege, Hauswirtschaft). Anders ausgedrückt: Ein Auto kann schneller hergestellt werden, daher sind in solchen Bereichen Gewinne durch Produktivitätssteigerungen möglich (durch z. B. Automatisierung). Ein Kind kann dagegen nicht schneller großgezogen werden. Ein alter, kranker oder behinderter Mensch kann auch nicht schneller gepflegt oder versorgt werden ohne das die Qualität der Versorgung darunter leidet. Mit einer Care-Abgabe wäre eine Umverteilung möglich und deshalb finde ich ist das ein vielversprechender Vorschlag, wenn es darum geht Care-Arbeit neu zu organisieren und das dann zu finanzieren.

Leider weiß ich nicht, wie genau sich die vergangenen Wochen auf meinem Sohn auswirken werden. Das ich ihn nicht beschützen konnte vor der Schulodyssee macht mein Herz schwer. Eines weiß ich aber sicher: Wenn ich mich in den letzten Jahren nicht so intensiv mit privater Sorgearbeit auseinandergesetzt hätte, wäre diese Zeit mit der ungewissen Schulsituation noch schwieriger gewesen für mich, denn ich hätte die „Schuld“ dafür noch viel mehr bei mir gesucht. Die Individualisierung von Problemen ist ein Instrument, mit dem weite Teile der Gesellschaft und auch der Politik, Sorgearbeit unsichtbar machen. Im Zweifelsfall liegt das Versagen beim Einzelnen. Und das ist falsch, bei so einem zentralen, lebensnotwendigen Thema das uns alle angeht. Aus diesem Grund finde ich Forschung zum Thema Care-Arbeit so wichtig. Gerne nahm ich daher im Oktober die Interview-Anfrage von Dr. Wolfgang Reißmann (FU Berlin) an. Durch die mir gestellten Fragen zu meiner Arbeit als Bloggerin und Care-Aktivistin bekam ich die Gelegenheit mich selbst noch anders zu reflektieren bei meiner Arbeit. Das war eine spannende Erfahrung. Was mich sehr gefreut hat bei den Gesprächen, war, dass ich auf einen wirklich offenen und sehr gut vorbereiteten Interviewer traf. Das ist auch eine Form von Fürsorge, die wichtig und wohltuend ist. In diesem Sinne: #spreadCare.

P.S.: Wenn Ihr meine Arbeit zur Anerkennung und zum sichtbar machen der privaten Care-Arbeit unterstützt freue ich mich sehr. Hier geht es zu: PayPal

P.P.S: Lesenswerte Beiträge zum Thema Care-Arbeit, die ich wichtig finde:

  • Eine Kritik an der Deutschen Zweitverwendungserhebung von Dr. Christine Rudolf (unsere Mitstreiterin bei CloseEconDataGap) bei economie feminste. Aus dem Text: „Die Daten für 2012 zeigen, dass 8-mal so viel Zeit in die Unterstützung anderer Haushalte investiert wird wie für Betreuungsarbeit für Kranke im eigenen Haushalt. Das heisst: Ein Grossteil der Unterstützung von Angehörigen oder Freund*innen wird somit nicht zur unbezahlten Arbeit im Haushalt dazu gerechnet. In einer älter werdenden Gesellschaft, in der immer mehr Menschen auf Hilfe angewiesen sind und 80% der Pflegebedürftigen in ihren eigenen vier Wänden gepflegt werden, ist diese Arbeit ein bedeutender Faktor, der somit nicht als unbezahlte Arbeit im Haushalt ausgewiesen wird. Und auch hier leisten Frauen mehr Arbeit als Männer. Ausserdem kommt es durch ausserhäusliche Betreuung und Pflege möglicherweise zu Verschiebungen im eigenen Haushalt, die statistisch nicht abgebildet werden, wenn die Stunden für diese Arbeiten in gesonderten Statistiken erscheinen. Überdies ist es problematisch, die Versorgung und Betreuung von Menschen, die der Unterstützung und/oder Pflege bedürfen in einer Reihe mit freiwilligem Engagement oder Ehrenamt zu betrachten. Denn es handelt sich um Arbeit, die getan werden muss und das Kriterium der Freiwilligkeit zumindest stark in Zweifel gezogen werden muss.“
  • Unbedingt lesen! Beitrag von Franziska Schutzbach bei Krautreporter. Carearbeit findet immer auf verschiedenen Ebenen statt. Ich habe im Blog mal darüber geschrieben. Während Mentalload für viele mittlerweile ein bekannter Begriff ist, ist die Emotionsarbeit immer noch weitestgehend unsichtbar. Franziska Schutzbach schreibt darüber im genannten Beitrag: „In den öffentlichen Debatten ist häufig die Rede von der in Familien geleisteten unsichtbaren Care-Arbeit. Es gibt aber auch innerhalb der Berufstätigkeit unsichtbare „Frauen-Arbeit“. Es handelt sich um emotionale Engagements und Anstrengungen über die erst in den letzten Jahren eine Sprache gefunden wurde. Die oben beschriebene, sorgende Emotionsarbeit (Kümmerarbeit) ist eine davon.“
  • Lesenswerte Ausarbeitung von Anna Saave-Harnack zur Careabgabe als Mittel zur Umverteilung von Profiten aus Wirtschaftssektoren, die Produktivitätssteigerungen verzeichnen können, hin zu Bereichen in denen Care-Arbeit geleistet wird und bei der Gewinne aus Produktivitätssteigerungen nicht möglich sind: „Die Untersuchung der Care-Abgabe und der dazugehörige Transfer der Ökologischen Steuerreform auf die Care-Ökonomie zeigen, dass umweltpolitische und carepolitische Instrumente sich nicht ausschließen müssen, sondern dass die Kombination der ihnen zugrunde liegenden Ideen und ihr Vergleich neue Lösungsmöglichkeiten für Probleme aus den beiden Bereichen eröffnen können.“
  • Aus dem Text um die Debatte zum Begriff Sorge bei Theorieblog.de: „Bei den Precarias wird Sorge ein transversaler, also ein alle Lebensbereiche durchquerender Begriff, der Kritik am Bestehenden und transformative Vision zugleich ist.“

Beitragsbild: Pixabay von Wokandapix

2 Gedanken zu “Schulodyssee in 3 Akten: Über Schule, Verzweiflung, den Pabst und Ideen für die Neuorganisation von Care-Arbeit

  1. Brigitte Bührlen schreibt:

    Vielen Dank für den authentischen und ehrlichen Blogbeitrag! Alles Geschilderte ist absolut nachvollziehbar und in Teilen habe ich es auch selbst ähnlich erlebt.
    Mein Fazit ist: Es gibt, wie im Beitrag gut dargestellt viele interessante wissenschaftliche Erkenntnisse und eindrückliche Erfahrungsberichte.
    Mein Problem ist, dass es viel zu wenig praxiskompatible Veränderungsansätze bzw. -anstrengungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gibt. Vielleicht verändert sich das im Rahmen eines neuen Regierungshandelns?

    Gefällt 1 Person

    • Mama streikt schreibt:

      Ich hoffe sehr, dass es sich mit der neuen Regierung ändert. Leider bin ich gar nicht dazugekommen mich intensiv mit den Koalitionsverhandlungen zu beschäftigen. Es gibt wohl schon einige gute Neuerungen wie die geplante Kindergrundsicherung, aber die Maßnahmen sind eben doch auch sehr punktuell. Also es ist nichts grundsätzliches was sich ändern soll und das ist bedauerlich.

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